Rund 1500 Akteure der schwedischen und europäischen Internetbranche kamen am 15. und 16. November in Stockholm zur SIME (Swedish Interactive Media Event) zusammen. Das Mediencluster war vor Ort, um sich mit der schwedischen Szene zu vernetzen und wertvolle Kontakte für die Cluster-Aktivitäten in NRW zu knüpfen.
Passion Wins
Unter dem Motto „Passion wins“ lud die etablierte Konferenz Entrepreneure, Medienunternehmen, Investoren und Non-Profit Organisationen zum Austausch über zukünftige Geschäftsmodelle, aktuelle Unternehmererfolge und viel versprechende Technologien. Das Stichwort “Leidenschaft” zog sich als roter Faden durch die SIME und ihre Subkonferenzen SIME Non-Profit und den Investor Summit. Ein gefälliges Motto für eine Web-Konferenz, denn so viel steht fest: Durch leidenschaftliche Akteure werden Startups erfolgreich, bleiben Unternehmen dynamisch und werden Investoren für viel versprechende Gründer attraktiv.
Dass Leidenschaft auch jenseits des profitorientierten Web-Business ein Innovationstreiber ist, zeigten bei der SIME11 Menschen, die sich mit Leidenschaft für Kultur und Gesellschaft einsetzen (z.B. der New Yorker Choreograph Chris Elam mit seiner Plattform goseedo.org oder Alan Webber, der zur Zukunft von “Leadership” sprach). Durch diese Öffnung der Konferenz gewann die SIME Stockholm an Weitblick, musste jedoch auch ein wenig an Tiefe einbüßen. Und dennoch: Themen- und Referentenwahl überzeugten, wie erwartet. Hier eine Rückschau auf unsere Highlights:
Eine Leidenschaft für Gründer: Niklas Zennström
Wie wichtig Engagement und Leidenschaft bei Unternehmensgründern sei, betonte zum Auftakt Niklas Zennström, Mitgründer von Skype und Kazaa und mit Atomico Investor of choice für einige der am heißesten gehandelten Europäischen Startups. In einem Kamingespräch mit Ola Ahlvarsson (SIME) zeigte Zennström auf, wie sich Unternehmensgründungen durch das Internet verändert haben. Jetzt sei der beste Zeitpunkt, seine Ideen zu verfolgen, so Zennström, denn Gründern stünden heute durch das Netz deutlich mehr Information zur Verfügung. Vor allem für Web-Startups trügen Cloud Services außerdem dazu bei, bislang entstandene Kosten für Serverkapazitäten massiv zu senken. Durch eine solche Zeit und Kosteneinsparung könnten Startups deutlich mehr experimentieren und sich auf die Produktentwicklung konzentrieren. Zudem sei es heute deutlich leichter, kosteneffizient Kunden zu generieren, was dazu führe, dass mehr und mehr Startups keine klassischen Marketingbudgets mehr einstellten. “It’s always better to invest money into your product rather than into brand building.”, fasste Zennström zusammen. Das ganze Gespräch hören Sie hier.
Neu im Atomico Portfolio und ebenfalls auf der SIME: social gifting service „Wrapp“. Seriengründer Hjalmar Winbladh (u. a. Rebtel, Sendit) nahm die Konferenz zum Anlass, seinen neuesten Streich dem geneigten Publikum vorzustellen. Wrapp bewegt sich an den Schnittstellen von sozialen Netzwerken, Smartphones und Marken und ermöglicht es, allein oder auch gemeinsam Gutscheine an Freunde zu verschenken. Noch beschränkt Wrapp seinen Service auf den schwedischen Markt, plant aber, im zweiten oder dritten Quartal 2012 auch in Deutschland auf den Plan zu treten. Zennström ist zuversichtlich: “If anyone can disrupt the gift card industry for the better – make it larger by taking it digital, mobile and social – it’s the talented team at Wrapp.“
Klarer Fokus auf Mobile
Mobile Services standen im Fokus der zweitägigen Konferenz. So titelte bereits das Auftaktpanel: „Mobile means business“ (hier nachzuhören). Rikard Steeiber (Google), Carl-Henrik Borg (Hemnet) und Malin Eliasson (SEB) waren sich darin einig, dass die Zukunft der Interaktion mit dem Kunden, sei es durch Kundenservices, Transaktionen, Marketing oder Werbung im mobilen Internet liege. Das Panel brachte vor allem einige interessante Zahlen hervor.
Auch das zweite Startup, das nach Wrapp auf der Bühne der SIME als eines von „tomorrow’s superstars“ vorgestellt wurde, konzentriert sich ganz auf das Thema mobiles Internet und Smartphones. „iZettle“ ist ein neuer Player auf dem mobile payment Markt und kann als europäisches Pendant zum amerikanischen Square gesehen werden. Anders als die Technologie von Square, liest das iZettle Gerät, das auf ein iPhone aufgesteckt wird, jedoch den Chip einer Kreditkarte, nicht deren Magnetstreifen, aus. Kreditkartenzahlungen können so an jedem Ort vorgenommen werden, beim Eisverkäufer im Park aber auch in kleinen Läden, die gekoppelt mit einem iPad gleich ein gesamtes Kassensystem auf iZettle aufbauen können. Eine spannende Brückentechnologie, die den Markt der mobilen Bezahldienste beleben kann, so lange das Bezahlen via Near Field Communication (NFC) noch nicht möglich ist. Gründer Jacob de Geer steht ab sofort auf unserer „people to watch-Liste“ weit oben.
Die erfolgreichsten mobile marketing-Kampagnen der vergangenen Monate stellte der deutsche „Mobile-Guru“ Maks Giordano (The Nunatak Group) vor. Definitiv einen Blick wert!
Exzellente Referenten: Riz Khan, Fredrik Marcus und ein “Wunderkind”

Copyright: SIME 2011
Für weitere Highlights im Kosmos “mobile” sorgten herausragende Speaker wie Martin Deinhoff und Fredrik Marcus von Creuna, die in gewohnt charmanter Manier erklärten „Why your website is ugly and inefficient and how it should really look to be a part of your product“. An “worst practice” Beispielen erklärte das Schweden-Duo, warum in Zeiten crossmedialer Inhalte nicht mehr dem “Content” sondern dem “Context” die größte Bedeutung zukäme (“Content is King, but Context is President!”). Wer seinen Kunden mobile Websites oder Apps anbiete, müsse sich dies von Anfang an vor Augen halten.
Der 12jährige App-Entwickler „Puck“ bekam während seiner Präsentation gleich mehrere Jobangebote aus dem Publikum und machte vor allem eins deutlich: die nachkommende Generation gibt sich nach der Schule nicht mit Volleyball AGs zufrieden. Bislang fehlt es an Programmen, die Kinder und Jugendliche an IT und Softwareentwicklung heranführen. Puck nahm sein Schicksal kurzum selbst in die Hand und brachte sich eigenständig Programmieren und nebenbei auch Englisch bei. Diese Tatsache war am Schluss vielleicht sogar beeindruckender, als die App, die er vorstellte.
Die schicksten Schuhe und eines der kontroversesten Themen kamen mit Pontus Schulz (Bonnier) auf die Bühne. In einer interessanten Keynote über die Rückkehr der DotCom Blase sprach sich der Head of business development des internationalen Medienunternehmens Bonnier dafür aus, weniger darüber nachzudenken, ob wir tatsächlich eine zweite Blase erleben: “Don’t ever build your business on the fact that you can get a higher valuation in a bubble. Use it to your advantage! But build a business that can still exist if valuations drop.”
Der beste Speaker der diesjährigen SIME, und hier schien sich das Publikum einig zu sein, war jedoch TV Reporter und Moderator Riz Khan (Al Jazeera english), der auf sehr unterhaltsame Art und Weise seine Sicht des Arabischen Frühlings wiedergab.
Andere Formate, wie die Panels „Battle for the Living Room“ oder „Gamification as a Strategic Tool“ blieben leider hinter dem Potenzial der Diskutanten zurück – hier hätte die Moderation mehr in die Tiefe gehen müssen. Denn mit Panelistinnen wie Isla MacLeod (Digital Business Development Manager BBC) oder Elisabet Gretarsdottir (Eve Online) hatten sich die Programmmacher viel versprechende und interessante Gäste eingeladen, die sicher mehr zu berichten gehabt hätten.
Networking auf Schwedisch
In den Pausen fanden überall angeregte Gespräche statt, was die Veranstalter sowohl durch das zur Verfügung stellen von passenden Räumlichkeiten als auch durch diverse Matchmaking-Instrumente, wie z. B. die SIME App und mehrere Networking-Events am Rande der Konferenz begünstigten. Immer wiederkehrende Themen in diesem Jahr: Googles self-driving cars, die mobile shopping Offensive der brtischen Lebensmittelkette Tesco und – natürlich – iZettle.

Copyright: SIME 2011
Einmal mehr bewiesen die Macher der SIME ihr Händchen für gutes Flair rund um die inhaltliche Seite der Konferenz. Die fantastische Location, der „Cirkus“, bot ideale Rahmenbedingungen zum Networken in charmantem Setting. Besonders auf der Bühne bot sich dem Besucher ein abwechslungsreiches Geschehen. Ein Piano spielender Investor, ein beinahe nackter Balletttänzer, musikalische Performances von kleinen Kindern und gestandenen Künstlern und nicht zuletzt die Outfits des „Zirkusdirektoren“ und SIME-Hosts Ola Ahlvarsson sorgten für exzellente Unterhaltung in der digitalen Manege Schwedens. Das liebevolle Setting der Konferenz entschädigte dann auch für den vergleichsweise geringen Anteil internationaler Gäste, die wohl in diesem Jahr lieber zu den SIMEs vor ihren Haustüren (Wien, Amsterdam, Barcelona, Helsinki) gingen, als zum Flagschiff-Event nach Stockholm.
Alles in allem hat sich die Reise nach Schweden gelohnt: Die Startup-Szene vor Ort gehört zu den vitalsten in Europa, das war an vielen Stellen zu spüren: Im Konferenzprogramm, auf den Networking-Events, ja selbst in der Hotellobby des Scandic Anglais, die, wie man uns berichtete, zentraler Treffpunkt der lokalen Geeks ist. Die Themen der SIME 2011, die sich an sowohl an den Schnittstellen von Startups und Investoren bewegten aber vor allem auch Entwicklungspotenziale etablierter Medienunternehmen aufzeigten, konnten wichtige Impulse und Kontakte für die weitere Arbeit des Mediencluster NRW liefern.
Weitere Informationen zur SIME sowie Mitschnitte und Bilder einzelner Formate finden Sie hier.







